Stephan Schneider

stellv. Vorsitzender

Integrative Freizeitgruppe Angeln

Mitte des Jahres 2007 wurde in Zusammenarbeit zwischen der Heimstatt Engelbert, Jugend- und Behindertenhilfe gGmbH, Haus St. Engelbert und dem Fischerei-Verein Essen e.V. die integrative Freizeitgruppe Angeln des Haus St. Engelbert ins Leben gerufen. Bis vor einiger Zeit war es Menschen mit geistiger Behinderung nicht möglich, den Angelsport auszuüben. Das Landesfischereigesetz schloss diesen Personenkreis aus. Durch die Eingabe einer Gesetzesänderung durch Thomas Kufen im Landtag NRW, wurde das Gesetz geändert, wonach Menschen mit Behinderungen die Möglichkeit erhielten unter gewissen Auflagen nun doch den Angelsport auszuüben.

Aufgrund des Engagements des Fischerei Verein Essen e. V. und engagierten Mitarbeitern des Haus St. Engelbert war es nun möglich, das Menschen mit Behinderung des Haus St. Engelbert die integrative Freizeitgruppe „Angeln“ gründeten um den Bedürfnissen der Teilnehmer gerecht zu werden. Die Teilnehmer haben die Möglichkeit, sich mit der Tier- und Umwelt auseinander zu setzen, ihren Erlebnishorizont zu erweitern und natürlich ihrem gewählten Hobby, dem Angeln, nachzugehen.

Der Fischerei Verein Essen e. V. bietet in Bezug auf Normalisierung ideale Bedingungen für ein integratives Angebot. Der Abbau von Vorurteilen durch die Zusammenkunft von Menschen mit und ohne geistige Behinderung sind entscheidende Aspekte, die der Gründung der Freizeitgruppe vorausgegangen sind. Inzwischen haben die Teilnehmer den gesetzlichen Sonderfischereischein.

Die gemeinsam geplanten Angelaktionen orientieren sich an der bereits bestehenden Terminplanung der Jugendgruppe des Fischerei Verein Essen e.V. Einige erfolgreiche Angelsitzungen haben schon an der schönen Ruhr und dem schönen Baldeneysee stattgefunden, weitere werden folgen. Sponsoren haben Material und Ausrüstung gespendet. Der Fischerei Verein Essen e. V. nimmt die interessierten Bewohner als Vereinsmitglieder auf. Mitarbeiter des Haus St. Engelbert begleiten die neuen Sportfischer bei den Angelaktionen. Diese Kooperation zwischen Heimstatt Engelbert, Jugend- und Behindertenhilfe gGmbH, Haus St. Engelbert und dem Fischerei Verein Essen e. V. ist ein tolles Beispiel für Integration für Menschen mit Behinderungen.

Wir freuen uns auf Anfragen jedweder Art und sind Kooperationsprojekten selbstverständlich aufgeschlossen.

Petri Heil

Konzeption der „Integrativen Freizeitgruppe Angeln“ des Hauses St. Engelbert

Entstehung:

Die Freizeitgruppe Angeln des Hauses St. Engelbert entstand ursprünglich als Projektarbeit im Rahmen der Ausbildung zum staatlich anerkannten Heilerziehungspfleger und wurde im Jahr 2007 seitens Herrn Schulz und Herrn Schneider initiiert.

Da das zunächst unter dem Namen „Angel- AG“ nur für einen begrenzten Zeitraum geplante Projekt auf ein dauerhafteres Interesse bei den teilnehmenden Bewohnern des Hauses stieß wollten wir es zeitlich erweitern. Nachdem Herr Schulz in ein Beschäftigungsverhältnis im Haus St. Engelbert der Heimsstatt Engelbert, Jugend- und Behindertenhilfe GmbH übernommen wurde und sich weitere Mitarbeiter fanden, die bereit und in der Lage waren, die Aktionen sachkundig zu begleiten, wurde die „Integrative Freizeitgruppe Angeln“ in der heutigen Form gegründet.

 

Inhalte:

Die „Freizeitgruppe Angeln“ hat sich der Sportfischerei verschrieben. Diese umfasst neben der waidgerechten Fischerei auch den sportlichen Aspekt des Castings.

Das Prinzip der waidgerechten Fischerei beinhaltet, dass unter Einhaltung tierschutz-rechtlicher Bestimmungen und so naturschonend wie möglich mithilfe von Handangeln Fische den Gewässern entnommen, waidgerecht getötet und einer sinnvollen Verwertung zugeführt werden.

Dabei gibt es genaue Regelungen betreffend Schonzeiten, Mindestmaßen und waidgerechtem Verhalten. Allen Sportfischern gemein sein sollte der Respekt vor der Natur und ihren Lebewesen. Wettangeln und dass Fangen und Zurücksetzen (catch and release) von mäßigen Fischen ist in Deutschland ebenso verboten wie das Angeln mit lebenden Köderfischen.

Das Casting umfasst insgesamt 9 Disziplinen, die alle gemein haben, dass mit unter-schiedlichem Material auf dem Trockenen ausgeworfen wird. Entweder geht es darum, festgelegte Ziele zu treffen oder beim Weitwurf, eine möglichst große Wurfweite zu erzielen. Wir wollen uns der Disziplin „Gewicht Präzision“ annähern, die wettkampfmäßig wie folgt ausgeübt wird: Mit einer mindestens 1,37 m langen Einhandrute, einer Stationärrolle und einem 7,5 g Kunststoffgewicht hat man jeweils 2 Würfe von 5 im Viertelkreis angeordneten Startplätzen. Es wird auf eine Tuchscheibe, nach vorgegebenen Wurfarten, bei Entfernungen von: 10 m (Pendelwurf), 12 m (Seitenwurf – rechts), 18 m (Überkopfwurf), 14 m (Seitenwurf – links), 16 m (beliebiger Wurf), geworfen.

Die Tuchscheibe hat einem Zielkern von 75 cm Durchmesser, dem im Abstand weitere Zielringe folgen. Insgesamt können 100 Punkte erreicht werden.

Dabei werden wir uns zunächst auf eine Wurfart und eine Entfernung beschränken.

 

Rechtliche Voraussetzungen und notwendige äußere Rahmenbedingungen:

Vor das Sportfischen hat der Gesetzgeber in Deutschland den Erwerb eines Fischereischeins gesetzt. Dazu ist die Fischereiprüfung abzulegen. Inhalt dieser Prüfung sind ein theoretischer sowie ein praktischer Prüfungsteil. Im theoretischen Teil sind 60 aus 300 Fragen aus 6 Prüfungsgebieten, A. Allgemeine Fischkunde, B. Spezielle Fischkunde, C. Gewässerkunde und Fischhege, D. Natur- und Tierschutz, E. Gerätekunde und F. Gesetzeskunde, zu beantworten. Der praktische Teil sieht die korrekte Erkennung von mindestens 4 von 6 abgebildeten Fischen aus einer Auswahl von 44 möglichen Bildtafeln vor. Weiterhin ist eine Rute aus 10 möglichen für den Fang von bestimmten Fischen mit allem Zubehör waidgerecht zusammen zu bauen.

Da dieses Anforderungsprofil vielen Menschen mit Behinderung den Erwerb eines Fischereischeins unmöglich machte, wurde durch eine Änderung des Landesfischereigesetzes NRW (§32a) für Menschen mit Behinderungen eine neue Möglichkeit geschaffen. Nach ärztlicher Bescheinigung einer körperlichen, geistigen oder psychischen Behinderung, die das Ablegen der Fischereiprüfung unmöglich macht, kann nun der behinderte Mensch einen Sonderfischereischein bei der Unteren Landschaftsbehörde erwerben. Dieser berechtigt ihn, in Begleitung eines Inhabers des Fischereischeins den Fischfang auszuüben. Die letztgenannte Voraussetzung erfüllen alle Mitarbeiter der Freizeitgruppe des Haus St. Engelbert.

Neben einem gültigen Fischerei-/Sonderfischereischein muss jeder Angler einen Fischereierlaubnisschein vorweisen können. Dieser wird vom Pächter bzw. Fischereirechtinhaber eines Gewässers i. d. R. gegen Entgelt in Form von Tages-/Wochen-/Monats- oder Jahreskarten ausgestellt.

Angeln ohne entsprechende Unterlagen stellt Fischwilderei dar und wird als Straftatbestand verfolgt.

Für die Teilnehmer an der Freizeitgruppe waren bzw. sind somit entsprechende Rahmenbedingungen (u. a. abgeleitet aus den zuvor dargestellten rechtlichen Anforderung) herzustellen:

Es wurde Kontakt zum in Essen ansässigen Fischerei-Verein Essen e.V. geknüpft. Dieser stellte unentgeltlich Tagesfischereierlaubnisscheine zur Verfügung und ermöglichte somit ein Angeln in den Vereinsgewässern, das ist ein Abschnitt der Ruhr sowie der Baldeneysee. Weiterhin wurden die beteiligten Bewohner aus dieser Quelle mit Formblättern versorgt, auf denen der jeweils behandelnde Arzt die Unmöglichkeit des erfolgreichen Ablegens der Fischereiprüfung aufgrund einer bestehenden Behinderung bescheinigen konnte. Nach entsprechender ärztlicher Bescheinigung wurden seitens der Teilnehmer Sonderfischereischeine beantragt.

In weitergehender Kooperation wurde eine terminliche Angliederung der Freizeitgruppe an die Termine der Jugendabteilung des Fischerei-Verein Essen e. V. vereinbart und in der Vergangenheit bereits mehrfach auch so seitens der beteiligten pädagogischen Mitarbeiter begleitet. Es erfolgte eine Aufnahme in den Verein sowohl der beteiligten Bewohner wie auch der betreuenden pädagogischen Mitarbeiter.

Aufgrund der nicht unerheblichen Kosten für Angelausrüstung und größere Ausgaben (z. B. Personalkosten der Mitarbeiter des Haus St. Engelbert, Fahrkosten, Mitgliedsbeiträge, Angeln am Forellenteich, Kutterangeln an der Nordsee, Besichtigungen von Fischaufzuchtsanlagen, Besichtigungen von Lachsaufstiegsanlagen o. ä.) sowie für die Anschaffung von weiteren not-wendigen Materialien bitten wir um finanzielle und materielle Unterstützung.

Pädagogische Zielsetzungen und grundsätzliche pädagogische Überlegungen

Wer bereits einmal die Möglichkeit hatte, einem Angler aus „pädagogischem Blickwinkel“ über die Schulter zu schauen, wird festgestellt haben:

Die Ausübung des Angelsports beinhaltet ein breites Spektrum möglicher Förderansätze für Menschen mit Behinderung:

  • Förderung der Feinmotorik
    Viele Tätigkeiten, insbesondere der Zusammenbau der Angelgeräte und Montagen (z. B. Knoten binden oder Anködern des Angelhakens) trainieren verstärkt feinmotorische Fähigkeiten.
  • Training der (Auge-Hand-) Koordination
    Das gezielte Auswerfen der Angel an einen bestimmten Punkt (im Wasser oder beim Casting) wie auch der gezielte Anhieb und der Drill des Fisches trainiert die Koordination.
  • Förderung sozialer und kommunikativer Kompetenzen
    Da die Aktivitäten jeweils in der Gruppe stattfinden und sich die Hilfestellung seitens der begleitenden pädagogischen Mitarbeiter auf das Motto „Soviel wie nötig, so wenig wie möglich“ beschränkt und eher versucht wird, dass die Einzelnen ihre Stärken zugunsten der Gruppe ausspielen und sich die Bewohner untereinander Hilfestellung leisten, werden soziale wie auch kommunikative Kompetenzen gefördert.
  • Entspannung
    Erfahrungsgemäß hat das Erleben von Natur und Stille während des Wartens auf einen Anbiss eine stark entspannende und beruhigende Wirkung insbesondere auf sonst sehr unruhige Menschen mit Behinderung.
  • Wecken von Naturverständnis/Verständnis für Umweltschutz
    Über das Interesse am Angeln entsteht ein Verständnis der Natur als Kreislauf bzw. als Gesamtsystem, in dem viele Dinge zusammenhängen und aus dem man nicht einzelne Teile herauslösen und abspalten kann. Es wird nachvollziehbar, dass jede Handlung des Menschen weitreichende Konsequenzen in einer Vielzahl von Bereichen hat.
  • Normalisierung und Selbstbestimmung
    In Auslebung des Normalisierungsprinzips soll bei Menschen mit Behinderung wie auch bei Nichtbehinderten eine Trennung von Wohnen, Arbeit und Freizeit die Normalität darstellen.
    Da Freizeitgestaltung einerseits durch ein hohes Maß an Selbstbestimmung gekennzeichnet ist, die Erschließung neuer Freizeitaktivitäten sich für Menschen mit Behinderung jedoch aus verschiedenen Gründen ungleich schwieriger gestaltet, soll die Freizeitgruppe Angeln eine weitere Wahlmöglichkeit schaffen und somit die Möglichkeit zu einem weitestgehend selbstbestimmten Leben erweitern.
  • Integrative Aspekte
    Wie bereits zuvor beschrieben, existiert bereits jetzt eine enge Kooperation der Freizeitgruppe Angeln des Haus St. Engelbert mit dem Fischerei-Verein Essen e. V. Diese besteht derzeitig darin, dass die Aktivitäten der Freizeitgruppe gemeinschaftlich mit der Jugendabteilung des Vereins stattfinden. Angestrebt für die Zukunft ist die weitere Aufnahme sowohl der beteiligten Menschen mit Behinderung wie auch der betreuenden pädagogischen Mitarbeiter in den Verein. Daraus ergibt sich eine noch weitergehende Integration der Teilnehmer, da ihnen dann alle Termine und Veranstaltungen des Vereins offen stehen. Weiterhin sind sie dann auch in die tätige Mitarbeit im Verein in Form von zu leistenden Arbeitsstunden eingebunden.

 

Da es in der Natur der Freizeitbeschäftigung Angeln liegt, dass diese am Gewässerrand stattfindet und mit Angelgerätschaften einer Länge von mehreren Metern, mit spitzen Angelhaken und einem Messer zum waidgerechten Töten der Fische ausgeübt wird, ist daraus ein erhöhter Aufsichtbedarf abzuleiten. Um eine adäquate Betreuung der beteiligten Menschen mit Behinderung auch unter dieser erschwerten Bedingung sicherstellen zu können, erscheint ein Betreuungsschlüssel von 1:2 angemessen. Von den derzeitig 3 an der Freizeitgruppe beteiligten pädagogischen Mitarbeitern können innerhalb ihrer Arbeitszeit daher maximal 6 Menschen mit Behinderung beim Angeln betreut werden.
Ein regelmäßiger Austausch mit den betreuenden Mitarbeitern der jeweiligen Wohngruppen ist daher ebenfalls obligatorisch.

Angestrebt werden soll monatlich ein Angeltermin als Kompromiss zwischen den Wünschen der beteiligten Bewohner des Haus St. Engelbert und den dienstplanmäßigen Notwendigkeiten, denen die betreuenden Mitarbeiter unterworfen sind.

Sofern Termine der Jugendabteilung oder andere Vereinstermine stattfinden, soll an diesen aus integrativen Überlegungen bevorzugt partizipiert werden. Die Termine sollen den Bewohnern frühzeitig und schriftlich zugehen, damit sie sich langfristig darauf vorbereiten können. Die Angeltermine sollen jeweils mit einer Theorie- oder Castingveranstaltung verbunden sein. Mögliche Themen für die Theorieteile sind z. B. Knoten, Montagen, Artenkunde, Grundverständnis zum Naturschutz (möglicherweise verbunden mit einer Besichtigung v. Aufzuchtteichen). Die durchgeführten Aktivitäten sollen in Form digitaler Fotografie dokumentiert werden. In Überlegung ist ein an das der Jugendabteilung angelehntes Punktesystem für Anwesenheit, Fang- und Castingergebnisse. Eine dafür notwendige Dokumentation müsste dann ebenfalls geführt werden. Ein ständiger Wechsel der Teilnehmer ist aus logistischen Gründen wie auch aufgrund der notwendigen Voraussetzung „Sonderfischereischein“ nicht möglich. Es muss den betreuenden pädagogischen Mitarbeitern die Möglichkeit verbleiben, den Zutritt zur Freizeitgruppe im Einzelfall zu prüfen und ggf. zu verweigern, wie auch Mitglieder der Gruppe im begründeten Einzelfall zeitlich begrenzt oder auch gänzlich von der weiteren Teilnahme auszuschließen.

Damit die Mitglieder der Angelgruppe nur unter fachkundiger pädagogischer Begleitung dem Angelsport nachgehen können, müssen ihre Fischereierlaubnisscheine in der Obhut der betreuenden Mitarbeiter der integrativen Freizeitgruppe verbleiben.

Um den Status der integrativen Freizeitgruppe für die Menschen mit Behinderung aufzuwerten, sollte eine Beitrittserklärung, die Rechte und Pflichten sowie auch mögliche disziplinarische Folgen bei Fehlverhalten regelt, entworfen und von den Teilnehmern bzw. soweit notwendig zusätzlich von ihren gesetzlichen Betreuern rechtsverbindlich unterschrieben werden.